Domäne Wachau - Jahrgangspräsentation 2015

(Bericht/Meinung, eingetragen von gerald am 19.08.2016)

Kategorie: Verkostungsberichte

Gestern (4. April) war es wieder soweit, die Domäne Wachau hatte zur alljährlichen Frühjahrspräsentation geladen. Ich war schon sehr gespannt, denn einerseits wurde der Jahrgang 2015 ja in vielen Medien zum "besten Jahrgang seit vielen Jahren" ausgerufen (was allerdings eigentlich mit leicht abweichendem Wortlaut ohnehin fast jedes Jahr passiert). Andererseits habe ich persönlich mit von hoher Reife geprägten Jahrgängen (z.B. 2009 oder 2011) nicht die besten Erfahrungen gemacht, die Weine waren für meinen Geschmack oft zu alkoholreich und säurearm, manchmal auch unharmonisch-plump am Gaumen (besonders 2011). Der Zeitpunkt der Präsentation war dieses Jahr etwas später als in den letzten Jahren, was es sicherlich einfacher macht, die Weine einigermaßen zuverlässig einzuschätzen.



Doch nun zu den probierten Weinen selbst: ganz allgemein hat mir die Präsentation ausgesprochen gut gefallen, meine Bedenken waren im Wesentlichen unbegründet. Die Veltliner und Rieslinge zeichneten sich durch sehr intensive und attraktive, frische Fruchtnoten aus, dazu auch überwiegend sehr harmonisch am Gaumen. Die Säure war analytisch natürlich etwas geringer als im Vorjahr, derzeit aber auch bei den Veltlinern für ein rundum harmonisches Erscheinungsbild ausreichend. Die Rieslinge stehen hier durch ihre sortenbedingt höheren Werte ohnehin außer jeder Diskussion, hier kann man meiner Ansicht nach nicht viel falsch machen, wenn man den Keller mit ihnen füllt. Bei den Veltlinern werden es die nächsten Monate auf der Flasche zeigen, ob sie die Harmonie erhalten können, wenn die Frische des Jungwein-Stadiums einmal verflogen ist. Ich bin jedenfalls optimistisch.

Wie erwähnt, waren Veltliner und Rieslinge ausgesprochen fruchtintensiv, Freunde eines kargen, steinigen Stils werden vielleicht weniger Freude haben. Letzterer scheint mir persönlich aber ohnehin eher eine kurzfristige Modeerscheinung zu sein (so wie die "orange wines" & Co), der nach einem kurzzeitigen "Hype" bestimmt als dauerhafte Bereicherung der Weinstile bleibt, aber nicht mehr als Massenbewegung, sondern eher in einer Nische.



Am besten gefallen haben mir bei den Federspielen Loibenberg und die "Dorflagen" sowohl aus Weißenkirchen und Dürnstein (Veltliner) sowie Bruck, Loibenberg und Weißenkirchen (Riesling). Bei den Smaragden - die ja erst als Fassproben vorlagen und daher noch schwer einzuschätzen sind - vor allem Achleiten und Kellerberg (Veltliner) sowie Singerriedel und Kellerberg (Riesling).

Nicht ganz so begeistert war ich dieses Jahr allerdings vom "Spezialitäten-Tisch". Bei der Domäne werden ja gerne alternative Stile ausprobiert so wie z.B. der Riesling aus der Amphore oder ein "Vin doux naturel" vom Veltliner. Dieses Jahr kam ein Müller Thurgau "MTX" aus dem Beton-Ei dazu. Alle drei genannten haben mir dieses Jahr nicht so richtig gefallen, die Aromatik war bei den Weinen aus der Amphore und dem Betonei recht eigenartig, beim VDN hingegen waren Süße und Alkohol zu dominierend. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich das mit ein paar Jahren Reife noch harmonisiert.



Sehr gut gelungen wiederum die Beerenauslese 2014 vom Riesling, wunderbar gereift die drei Altweine (Rieslinge und Veltliner) aus den Jahrgängen 1965, 1997 und 2001.

Als "Gaststar" war dieses Jahr das südburgenländische Weingut Wachter-Wiesler vertreten, es gab je 3 Jahrgänge von ihren Blaufränkisch Béla-Jóska, Ried Weinberg sowie Eisenberg Alte Reben zu probieren. Ich kenne die Weine schon seit längerem, mein Eindruck wurde auch hier wieder bestätigt (Béla-Jóska und Ried Weinberg konnten mich nicht richtig begeistern, der Eisenberg Alte Reben hingegen war wie immer großartig, gehört für mich zu den besten Rotweinen des Landes).



Alles in allem jedenfalls eine beeindruckende Vorstellung, ich habe mir ein paar Flaschen von den bereits abgefüllten Weinen (überwiegend Veltliner und Rieslinge Federspiel) mitgenommen und werde sie in den nächsten Wochen zuhause probieren, um meine Eindrücke zu bestätigen (oder auch nicht?) und vor allem durch Beobachtung über zwei Tage zu ergänzen.

ERGÄNZUNG AUGUST 2016:

Leider werden ab dem Jahrgang 2015 die Lagen-Smaragde wieder mit Naturkork verschlossen (die Jahrgänge 2010-2014 mit Schraubverschluss), eine aus meiner Sicht sehr unerfreuliche Entscheidung. Auf der Webseite der Domäne Wachau gibt es dazu eine ausführliche Erklärung - kurz gesagt sind die Verantwortlichen der Ansicht, dass die Weine unter Naturkork besser reifen als unter Schraubverschluss.

Diese Erklärung ist für mich aber kaum nachvollziehbar. Einerseits entspricht sie nicht meinen persönlichen Erfahrungen - ganz im Gegenteil. Andererseits hat die Domäne Wachau die Smaragde erst im Jahrgang 2010 auf Schraubverschluss umgestellt, mehrere Jahre später als andere Betriebe. Ich bin mir sicher, dass zu diesem Zeitpunkt schon genug Erfahrungen mit dem Reifeverlauf vorhanden waren.

Ich vermute viel eher, dass es an den Wünschen/Erwartungen der Kunden liegt, die man offenbar falsch eingeschätzt hat. Vielfach (besonders außerhalb von Österreich) hat der Schraubverschluss ja nach wie vor einen "billigen" Ruf und für nicht wenige Konsumenten ist ein hochwertiger Wein ohne "Plopp" undenkbar. Dass der Kork oft genug den Wein ruiniert, wird offenbar in Kauf genommen (der klassische "Korkschmecker" ist ja nur die Spitze des Eisberges, viel häufiger sind der "schleichende Kork" und vor allem die massiven Korkvarianzen, die den Weingenuss zum Glücksspiel machen).

Letztendlich ist es wie bei Obst und Gemüse im Supermarkt, wo nur optisch perfekte Früchte verkäuflich sind. Dass solche Tomaten, Äpfel oder Erdbeeren dann oft nur wenig Geschmack bieten, scheint nicht zu stören. Oder haben wir alle unseren Geschmacksinn durch immer stärkeres "Tuning" der Lebensmittel im Kampf um den Konsumenten - besonders bei Fertigprodukten, aber auch in der Gastronomie - durch mehr Salz, Zucker, Geschmacksverstärker oder synthetische Aromazusätze schon so stark eingebüßt?

Links:
http://www.domaene-wachau.at
http://www.wachter-wiesler.at/


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